Michael Oswald

 

 

 

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Leben in den Zeiten von Corona 2

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Montag, 1.6.2020

Ein weiterer Familientag, plötzlich konnte ich wickeln, so einem kleinen Kerle den Pullover über den Kopf kriegen ist nicht ganz leicht. Er war´s zufrieden und hat weiter mit mir rumgecharmt, dass ich denk, ein Englein flirtet mit mir. Mit dem Zwillingswagen kommt man an manchen Stellen grad so durch, oder eben nicht, da muss man sich was überlegen. Bergauf im Wald kommt man schnell ins Schnaufen, runterwärts hab ich mich sehr konzentriert, ja nicht stolpern oder so. Das Tagesprogramm ist voll mit den beiden Kleinen, die Nächte sind unruhig, da bin ich nicht zuständig, irgendwann zieht bestimmt ein bisschen Routine ein und die Zeit zwischen den Trinkerein verlängert sich. Im Moment ist immerzu irgendwas, wenn die Kinder versorgt und zufrieden sind, müssen die Eltern was essen, Haushaltkram machen, einkaufen und und und, so richtig Ruhezeit kommt kaum vor. Na gut, ich bin nur der Großvater, kann paar Tage helfen, aber dann müssen sie es irgendwie schaffen, tun sie ja auch. Ich bin beeindruckt, hab manches aus der eigenen Zeit schon vergessen, Erinnerung ist wandelbar und wird beim Sicherinnern neu gestaltet.
Das war ein Eintrag ganz ohne das Wort mit C.

Dienstag, 2.6.2020

Kein Text, weil der Tag gestern schon beschrieben wurde. Alles genauso und genauso schön. Bin ich dann ein Hellseher, wenn ich gestern beschrieb, was heut passierte? Das ist ein schöner, aber unnützer Gedanke, davon hätte ich noch viel mehr zu bieten. Ehe sich das hier manifestiert, höre ich Norah Jones fertig zu und gehe dann schlafen.

Mittwoch, 3.6.2020

Am Vormittag hab ich den Kinderwagen geschoben, mich gefreut an den lustigen, schönen, zarten und so ungestellten Gesichtchen meiner kleinen Enkel. Eine schöne große Runde an der Salach, wieder keine Wasseramsel gesehen, dafür Bachstelzen und Gebirgsstelzen. Danach Abschied nehmen von den Kleinen, ich musste wieder heim. Dabei erinnerte ich mich an die Tränen meiner Schwiegermutter bei solcher Gelegenheit, vor 30 Jahren. Heute kann ich sie besser verstehen, ein wenig feucht wurde es mir schon in den Augen, es sollte halt niemand merken, bringt ja nix, aber wer kann schon immer nur sachlich sein. Bin heimgetuckert, vier Stunden im Auto, viel Zeit für die Ersterinnerungsbearbeitung.
Nachdem ich zu Hause alles in Betrieb genommen hatte, die Blumen gegossen waren, das Auto ausgeräumt und bissle telefoniert war, bin ich zum Sport. Der Sportpark ist wieder offen, auf eine komplizierte und nicht komfortable Art, man kann sich nicht umziehen, nicht duschen, nicht in die Sauna, war es doch schön, wieder Teil einer Gruppe zu sein, in der ich mich wohl fühle. Es waren nur wenige da, wir hatten Abstand, haben auch mal geredet, der Sport ist geglückt. Ein Ganzkörpertraining und ein Jonglierversuch hintendran, da muss entrostet werden. Mit der letzten Zeile hier wird es Mitternacht werden, also morgen weiter.

Donnerstag, 4.6.2020

Ach Gottchen, Corona, dachte ich heute im Sportpark, die Desinfiziererei ging mir so auf den Sack, aber was soll man machen. Vielleicht gibt es demnächst die neue Volkskrankheit der Desinfektionsmittelallergie. Nun gut, genug geblubbert, es war ein schöner Tag. Vormittags wartete ich den Regen ab, auf dem Neckar platschte es regelrecht. Frohen Mutes und trockenen Hauptes ging es zum Laufen durch den Wald, bei akzeptablem Tempo kamen 13 km zusammen. Stabat Mater von Dvořák auf den Ohren, eine Musik der Trauer, und der Hoffnung, betörend schön, ein Weltvergessen erzeugend. Am Feldrand blüht der Acker-Rittersporn. Kornblume und Mohn sowieso. Mittag gab´s bei meinem Chinesen, hab ich das schon geschrieben?, ich darf mich da wieder hinsetzen und dort vom Teller und mit normalem Besteck essen, man freut sich über Kleinigkeiten. So ein bisschen privates Home Office lief gut, ich konnte allerhand Krimskrams abarbeiten. Stadtgang mit Kaffee und Kuchen, den auf der Pappe draußen, egal, dann wurde die Zeit fast knapp zum Training, Crossfit am Turm, gutes Programm, kurz und knackig, die Pausen zum desinfi, s. o. Weiter in Bauch spezial, nach der langen Irgendwietrainingszeit wird das morgen Muskelkater. Ich kann mich da wieder ranarbeiten. Jonglierzeit war auch noch, ging schon besser, viel aufzuholen. Oder die Ansprüche korrigieren, mal abwarten, was rauskommt.

Freitag, 5.6.2020

Maja Göpel gehört zu den Gründerinnen der Scientists for Future, eine Reaktion von einigen Wissenschaftlern zur Unterstützung der Schülerproteste Fridays for Future. 26000 Wissenschaftler schlossen sich an, Stand 2019. Ich lese grad ihr Buch, "Unsere Welt neu denken". Sie erklärt als Ökonomin die Abläufe des Wachstums, stellt sie den vorhandenen Ressourcen unserer Gesamt-WG gegenüber. Sie sagt nicht nur, was falsch bzw. was auf den Kollaps des jetzigen Wirtschaftens zuläuft, sie macht auch Vorschläge, wo und wie wir umdenken müssen, sollten wir den Totalschaden vermeiden wollen. Ich bin erst in der Hälfte des Buches angelangt, würde aber jetzt schon sagen, dass ihre Logik verstehbar und überzeugend ist, sie schildert in konkreten Beispielen, wie unser Fortschritt, den wir anscheinend alle wollen, unsere Vorräte bis zum nicht fernen Tag Kipp aufbraucht. Und dann? Ich erinnere mich, dass ich schon als Kind vor der verdreckten Elbe in Dresden erschrocken bin, auch die Bilder vom entwaldeten Erzgebirge sind mir präsent. Beide Probleme konnten gelöst werden. Ob wir diese jetzige Kurve auch nehmen?
Ich hab dann Sport gemacht, um die Beunruhigung um die Welt, die noch für meine frisch gestarteten Enkel reichen soll, nicht zu groß werden zu lassen. Damit halte ich zumindest meinen ökologischen Freizeitfußabdruck klein. Die Standardrunde laufen, knapp 10 km, durch regenfeuchten Wald, unter den Bäumen ist es trocken, obwohl es etwas regnete. Die Kuckuckslichtnelke blüht und der Schlangenknöterich, der auch Wiesenknöterich sein könnte ich bin nicht sicher, beide sehen wunderschön aus, obwohl die zarten Blütenblätter der Nelke im Regen und Wind ein wenig verklebt sind.

Abends war ich im Studio, funktionales Training am Turm, die Desinfizierei gefällt mir immer noch nicht, ich ertrage es ein bisschen langmütiger. mit dem kleinen Überallmuskelkater von gestern war klar, das wird anstrengend, zumal der Trainer den Komfortzustand, wenn er ihn bemerkt, sofort beendet durch eine heftigere Übungsvariante. Hinterher wars gut.

Samstag, 6.6.2020

Ein Regentag, genutzt für das Aufräumen aller möglichen Papierablagen, alter Steuerkram, Versicherungskram, also ein richtig schöner Tag. Tatsächlich sind ein paar Stapel abgearbeitet, ich war in produktiver Wegwerflaune, solche Phasen kommen nicht oft vor. Dann bin ich voller Freude über das Vollbrachte zu meinem Mittagskoch gegangen, hab was neues probiert, war ok, und bin mit frisch gekauftem Spiegel wieder heim, um zu lesen. Da entstand ganz viel Betrübnis über den Zustand der Welt, Amerika nach dem Tod von George Floyd, während Corona und vor der Wahl. Brasilien, wo ein Präsident Corona nutzt, um den Regenwald abzuräumen. Und Europa, das so schnell wie geht zum VorCoronazustand zurück will. Der aber nicht zukunftstauglich war. Ich will nicht aufgeben, will innen drin nicht sagen, das wird sowieso nichts, will nicht verzweifeln an unserem Beharrungsvermögen, der Wahrheit über den Zustand der Erde Konsequenzen zu verweigern. Ich will weiter in der Lage sein, das Glück zu finden im Auffliegen eines Buchfinks oder dem Erblühen von Beinwell. Das muss mit dem tapferen zuFußgehen oder Radfahren, wenn möglich, Fleischkonsum und Flugreisen meiden, reichen für ein inneres, ganz subjektives Gleichgewicht, mit dem ich sagen kann, wir können es schaffen. Gen Abend hin beendete ich die Lektüre und ging spazieren über die Felder bis Kiebingen und zurück. Da entsteht die neue, schnelle Straße, die Baustelle verändert die Landschaft deutlich, vielleicht nach 40 Jahren Planungszeit nicht zielführend, wenn Individualverkehr weniger werden soll. Oh je, überall diese Zeichen. Der Mohn hat mich gerettet und die anderen Blümchen, auch einige Gräser blühen. Hier beim Schreiben singt Kate Bush, Musik nicht von dieser Welt, mit ihrer Stimme, die man nicht verstehen, nur anstaunen kann, und mit ihrer komplexen und klugen Musik.

Sonntag, 7.6.2020

Der Wecker klingelte um sechs, eine ungewöhnlich frühe Zeit für mich, das Bett zu verlassen. Mir ging es um die Möglichkeit, halb neun mit den Hirschauern laufen zu gehen, das sind immer schöne neue Strecken. Da ich noch gemütlich frühstücken möchte, so mit Kaffee und Lesen, und nicht sofort nach dem Futtern auf die Strecke will, da spannt der Ranzen, konnte ich zwei Stunden dem Regen zuschauen. Pünktlich gegen acht war Schluss damit. Der Lauf, eine wundervolle Runde über Tübingen, den Schlossberg hoch, an Unterjesingen ran mit vielen Kurven, weiter bis Hirschau, da noch eine Runde durchs Dorf, so dass die Halbmarathonstrecke voll war. Im Schnitt gerade unter 6 min, das ist nicht schnell, dafür waren wir als Gruppe beisammen. Zu Hause nach dem Duschen selbst gekocht, dann gab ein Mittagsnickerchen und Lesezeit. Wenn es trocken bleibt, hab ich noch einen Spazierweg vor.

Montag, 8.6.2020

Kein Text, es war nichts. Putzen, Laufen, Telefonieren, Sportstudio, Lesen. Alles schon beschrieben.

Dienstag, 9.6.2020

Ich wollte mit dem Radl nach Mössingen zum Bergrutsch, nach den Orchideen suchen, die Knabenkräuter sollten da sein. Es regnete. Blieb ich zu Hause, hatte einen sehr gemütlichen Lesevormittag, Spiegel ist fertig. Über Amerika wundere ich mich nach wie vor, der Trump ist ja nur gut sichtbarer Höhepunkt einer ins Dysfunktionale abtriftenden Gesellschaft. Hoffentlich geht ein neuer Präsident nach der Wahl die vielen Baustellen an. Mittags immer noch Regen, also selbst Kochen oder raus gehen und nass werden. Hab daheim Nudeln in Möhren-Ingwer-Gemüse gehabt und war es zufrieden. Zum Kaffee hatte ich eine Einladung, es gab schönen Kuchen, sogar Eierschecke, der mir liebste Kuchen meiner Kindertage, und ein gutes, gepflegtes Gespräch. Ich habe mir vom Besuch einer Ausstellung berichten lassen, mit Katalogschau, Martin Noel in der Bonner Kunsthalle. Ich kannte ihn von einer Ausstellung im Reutlinger Spendhaus, da hat er mir mit Holzdrucken so gut gefallen, dass ich ihn mir gemerkt habe. Sein Spätwerk, er ist vor zehn Jahren gestorben, ist grandiose Malerei. Auf großen Formaten, die hell grundiert sind, aber nicht angemalt, setzt er farbige entschlossene Skripturkürzel, mal bunt zueinander, mal in einem Grün-oder Blaubereich. Sehr beeindruckend, sehr mutig, ich werde aufpassen, ob ich mal was im Original sehen kann.
Dann war noch Sport im Studio, Höhepunkt war der Kurs Bauch spezial bei einer energiegeladenen jungen und wunderschönen Kursleiterin. Das war anstrengend, und ihre Präsenz war überzeugend. Da sitz ich jetzt zufrieden hier und schreib es auf.

Mittwoch, 10.6.2020

Regen, so wie gestern, kein Ausflug, dafür telefoniert und über die Weltlage und über meine Enkel gesprochen. Kleiner Noteinkauf, Obst war alle, Joghurt auch, kleiner Notputz, Auto innen war so staubig, dass es anfing mich aufzuregen. Darüber verging die Zeit bis Mittag, zu essen gabs beim Chinesen, Lust auf Kuchen, also beim Bäcker Zettel ausfüllen, dafür Verpackung vermieden.
Das Buch von Maja Göpel, s. o., fertig gelesen. Ich habe ihr zugestimmt, auch die Handlungsmöglichkeiten, die sie vorschlägt, für mich bzw. den Einzelnen, aber auch für Regierung und Wirtschaft, kommen mir richtig vor. Sie will realistische Kosten, die Umwelt soll nicht mehr unentgeltlich verbraten werden. Geldwerte und Renditen werden wieder dem Zweck des Wirtschaften zugeordnet, sie stehen neben der Nachhaltigkeit und Kreisläufigkeit der eingesetzten Mittel. Gut fand ich die Bewertung des kleinen privaten Verhaltens, sie sagt, es beeinflusst, sie sagt, wir brauchen die Anregung von da genauso wie Marktsteuerung durch politsche Kräfte. Außerdem will sie mehr Verteilungsgerechtigkeit, sie rechnet vor, dass mit den vermiedenen Steuern auf versteckte Vermögen der Superreichen ein Ausgleich ... lest es selber. Nach dem Buch ist anders als davor. Ich nehme ins Bewusstsein, wie ich in der Welt bin, nicht von jetzt auf nachher, aber es wird sich schon verändern. Und ich will immer weiter, zumindest manchmal, hoffen, dass es noch klappen könnte. Heute kam in den Nachrichten, dass Deutschland beim Wasserstoff intensiv forschen und entwickeln soll, da gibt es Geld dafür. Zusammen mit der Verweigerung der Prämie für den Kauf für neue Verbrennerautos lese ich da eine Richtungskorrektur heraus, die gefällt mir.
Beim Sport war ich noch, die Wetterapp meldete: kein Niederschlag, nach der Crossfitrunde am Tower waren wir ziemlich nass. Es hat trotzdem Spaß gemacht, zumal die Volleyballer nebenan auf Sand trainierten, wir waren durch nach einer halben Stunde, die machten weiter und waren nass und völlig versandelt. Hab dann innen noch ein Stündle drangehängt, noch eine kurze Jongliererei untergebracht und bin ungeduscht heim. Gestern hat jemand erzählt, in irgendwelchen Bundesländern wären die Saunen wieder benutzbar, hoffentlich dauert es hier nicht mehr so lang, hoffentlich gibt es keine vielen, besser gar keine Neuinfizierte.

Donnerstag, 11.6.2020

Fronleichnam, ein Feiertag, den ich gar nicht verstehe, und der mir auch egal ist. Hirschau hat eingeladen zum Lauf, das hieß, mein Wecker bimmelte um sechs. Beim Frühstücken der Blick aus dem Fenster: Die Schwanenfamilie, Vater, Mutter, 5 Kleine begeben sich über die Straße zum Grasrupfen in die magere Wiese, Autos halten an, weil die eine Weile brauchen, es war ein gemütliches Gewatschel. Zurück wurden sie später von einer Anwohnerin geleitet, mit einer Futterspur gings wieder Richtung Neckar. Ich bin nach Hirschau, 20 km sind es geworden, eine schöne Strecke, ein Stück im Sengenbachtal entlang, da war ich noch nie. Die Zeit war ganz gut, unter 5:40 min/km, es waren 320 Höhenmeter dabei, und geschwätzt haben wir auch. Einen weißen Wiesensalbei sah ich, das war neu. Außerdem noch eine ander Art Königskerze, nicht wie sonst gelb, sondern weiß mit roter Bewollung. Hab ich voriges Jahr woanders gefunden. Dann war es gemütlich, Mittag zu Hause, bisschen Bürokram, ein Kaffee hier und einer da, abends gab es einen Stadtgang zum Bücherschrank, unterwegs mit einem Schleckeis, zurück mit reicher Beute. Keine Neuinfizierten im Kreis RT/Tü, so hieß es, man könnte glatt so tun, als wäre alles wie immer. es sind nach wie vor sehr wenige Leute draußen, vormittags im Wald genauso wie abends in der Stadt. Vielleicht ist der Mist bald ausgestanden.

Freitag, 12.6.2020

Vorgestern beim Stadtgang las ich von der Massagestube. Bisher sah ich das Geschlossen-Schild, nun stand eine Erklärung dabei, dass wieder angefangen wird. Hatte ich also heute den Termin, ich habs genossen. All die Zipperlein, die Altern so mitbringt, wurden wohltuend behandelt, sie sind nicht weg, aber verhalten sich, nachdem sie beachtet wurden, manierlich. Nebenher ließ ich mir erklären, wie sich zwei Wochen nach Eröffnung die zwangsweise Schließung anfühlte. Wohlgemut nach Hause, Bürokram, bissle Hauswirtschaft, dann ein Läufchen, die Standardrunde im Sonnenschein. Es war so warm, was hab ich geschwitzt. Nach dem Duschen gabs Mittag, der Einkauf ging schnell, Lesezeit. Im aktuellen Kunstforum über gegenwartsbefreite Malerei. Ich bin im ersten Drittel, bis hier hab ich das so verstanden, dass jeder malt, wie er will, es muss auch nicht verständlich sein, subjektiv scheint zu langen, der Betrachter hat das hinzunehmen. Meese und Rauch als Vorreiter von etwas neuem zu betrachten, mag richtig sein, es ist neu, dass Verstehbarkeit nicht mal verlangt wird, warum es dann allerdings gezeigt wird, hab ich noch nicht rausbekommen. Die Kuratoren begeben sich auf ähnliches Feld und bügeln Fragen nach roten Fäden oder so ruppig ab. Jetzt folgen die Kunstbesprecher, sie sehen dabei nicht besonders gut aus. Wo bleibe ich da? Das war ein wenig harsch verrissen, zum Glück finde ich immer wieder hochwertige, verstehbare, überzeugende Positionen, davon fand ich beim Vorblättern sogar einige weiter hinten im Magazin.
Abends hab ich meine Wut darüber am Crossfit-Tower weggetobt, dann gabs Jonglierversuche, nebenan konnte ich zuschauen bei einem Slackliner, der auf die lange und hohe Line aufsprang, dann oben blieb und mit schöner Sicherheit drauf rum spazierte, vorwärts, rückwärts, auch hüpfend, wendend, sehr beeindruckend. Ich hab ihn gefragt, zwei Jahre dranbleiben hätten gereicht für diese schöne Show.

Montag, 15.6.2020

Abends um dreiviertel elf bekomme ich eine Anfrage, kein Text sei da. Das stimmt. Ich schreib ja grad, fang an damit. So treue Leser muss ich bedienen. Am Wochenende war ich auf Arbeit, da kam es zur Lücke der zwei Tage. Das halbe Personal werkelt vor sich hin, es ist Kurzarbeit, und die Stimmung ist ziemlich miserabel. In der Reihe: Wie kann ich am Mitarbeiter sparen? gab es die Fortsetzung, diesmal hat der Betriebsrat schon mal reagiert, ich bin gespannt, wie das ausgeht. Vielleicht ist das im Rahmen der Kurzarbeit sogar eine Möglichkeit, aber dann müsste man es kommunizieren und nicht einfach irgendwas abrechnen, wo wir uns dann wundern. Nun ja, wir sind schon allerhand gewöhnt. Dann zu Hause genoss ich sofort die Aussicht auf vier freie Tage, das geht nicht mehr lange so. Corona verändert, glaube ich, jedes Leben, vielleicht noch viel mehr, als wir jetzt ahnen.
Mein Montag war einfach Sporttag, früh war noch der Schornsteinfeger da, um sieben klingelte er. Dann hab ich bissle was geordnet und bin losgelaufen. Ins Bühler Tal hinein, ein wundervoll erblühtes Leinkraut grüßte und erfreute. Weiter an sibirischer Iris vorbei hoch in den Rammert, 260 Höhenmeter, dann heimwärts, abwärts, aber noch im Wald die Türkenbundlilie als knospiger Stengel, den hab ich nicht fotografiert bekommen, mein Handy stellte immerzu den Hintergrund scharf, nach zehn schlechten Bildern aus allen Richtungen mit verschiedenen Zooms gab ich auf, es ergaben sich 19 km und eine gute Zeit. Duschen, Mittag, lesen im Kunstforum, wenige Textsequenzen, denen ich zustimmen kann. Künstler über die Gesellschaft während Corona, wenn ich das hier so geschrieben hätte, wäre ich aus den Reklamationen nie wieder raus gekommen. Drei große Textblöcke über drei Künstler und ihre Positionen, da muss ich noch durch, dann hundert Seiten Ausstellungsbesprechungen, da brauch ich nicht jede lesen. Das schaff ich. Abends dann functional training am Crossfit-Tower, vorher noch mein Mindestkraftprogramm, danach war ich wohltuend platt. Morgen wird ein schöner Tag, ich werd berichten. Und jetzt, 23:17 Uhr, isses hier fertisch.

Dienstag, 16.6.2020

Morgens war ich verabredet mit der hiesigen Läuferlegende, ein Weißbart, der in der M75 startet. Ich kenne ihn schon lange, sind es 20 Jahre? Er hat mich getrietzt, als ich noch ein Anfänger war. Heute sind wir gemütlich über die Felder gezogen und haben geschwätzt, erzählt, wie es uns jeweils ergangen ist in der letzten Zeit, den letzten Jahren. Es war vergnüglich und das bisschen Regen hat uns gar nicht gestört. Mittag, ich am Herd, danach zufrieden und satt. Nachmittags wollte ein Freund kommen, ich musste vorbereitend ein wenig räumen, um besuchsfähig zu werden, also nicht putzen, sondern einen Platz am Tisch freizumachen, irgendwie hab ich in Erinnerung, dass am Tisch sitzen und sich was erzählen und was zeigen da angemessen ist. Das ist gut gelungen, ich habe ein paar alte Fotoarbeiten vorgeführt, wir haben am Neuen entlang geredet, an der Coronaschulzeit und an der Benutzung von YouTube mit all den klugen und den dummen Beiträgen. Dann sind wir auf Stadtgang, mangels Masken konnten wir nicht in den Bäcker und sind gleich im Cafe gelandet. Das ging, man musste halt seine Daten bekanntgeben, oder zumindest so tun. Abends war ich trainieren, Bauch spezial im Kurs, anstrengend und gut, vorher noch bissle am Turm was. Der schnellste Läufer, den ich kenne, war das erste Mal im Studio seit der Wiedereröffnung, da haben wir auch was schwätzen müssen. Somit war es der sozialste Tag seit langer Zeit, und dies und das und alles hat mir gut gefallen.

Mittwoch, 17.6.2020

Diesen Tag habe ich mutwillig dem Faulsein gewidmet. Nach dem Ausschlafen, mein Bett ist echt einer der schönsten Orte auf dieser Welt, frühstückte ich ausführlich, mit dem Lesen verging die Zeit bis mittags. Und ich hatte keinerlei Gewissensbisse, ich hätte schon irgendwodran weitermachen können, aber es sollte wie Wochenende und Urlaub sein. Drum bin ich zum Essen gegangen wegen einer temporären Selbstkochverweigerung. Dann durch die Stadt spaziert, bis ich vor der Bücherei stand, da bin ich rein. Und schnell ins Kaffee abgebogen, ein köstlicher Mohnrahmkuchen hat diesen Entschluss belohnt. Hinterher kam ich am Bücherschrank vorbei, das lohnt sich immer. Vier Bücher konnte ich heimtragen, darunter einen Stefan Zweig. Zu Hause hab ich noch ein gutes Stück im Kunstforum geschafft. Zumeist blieb eine große Ratlosigkeit über die vorgestellten Arbeiten, manchmal könnte es auch an der Art der Textemacher liegen. Und immer wieder passiert es mir, dass Arbeiten erläutert und für großartig befunden werden, wo ich denk, das hab ich doch schon vor zehn oder zwanzig Jahren gemacht, allerdings nicht für so wichtig befunden. Diesmal waren es Schaufensterspiegelungen von Franziska Stünkel. Was da an Text drangegeben wird, hat mich verblüfft. Also, klar, wenn ich da die Augen nicht zumache, kann ich Verbindungen von Spiegelung und hinter dem Glas finden, da kann ich Bilder heraussehen, aber das ist nichts neues, seit es Glasscheiben gibt. Ich empfand das als Fingerübung, Frau Stünkel gründet anscheinend ihr Leben drauf.
Abends bin ich dann doch zum Sport, weil der Ruhe genug war. Zwei Stunden Kraft und Ganzkörperspannung, ohne eine einzige Hantel anlangen zu müssen, das hat mir gefallen. Jetzt warte ich noch drauf, wann ich wieder in die Sauna darf. Das kategorisch zu sperren, wie lange eigentlich, bis Impfstoff?, ist eine Lösung, die mir nicht behagt. Ich verstehe sie, aber sie gefällt mir nicht.

Donnerstag, 18.6.2020

Nur kurz, ich muss ins Bett, morgen ist Frühschicht, Vielleicht sollte ich Corona-Orakel werden, so wie der Oktopus beim Fußball. Als ich im Text verlangte, die Spielplätze zu öffnen, waren sie drei Tage später ... Gestern rief ich nach der Sauna, ab Montag darf ich. Wenn nur das immer so funktionierte.
Beim Laufen fand ich den weißen Salbei, dachte ich, hab ein Foto gemacht und zu Hause geforscht, siehe da, es ist der aufrechte Ziest. Wieder was dazugelernt. Außerdem den weißen Schwalbenwurz, den kannte ich aus der Voralpengegend. Gut, ich bin eine neue Strecke gelaufen, es waren 15 km und 260 Höhenmeter, ich wollte den Neckar nach dem vielen Regen anschauen. Er war braun, etwas höher und schneller als sonst, aber harmlos. Zu Hause wie immer, abends Sportpark, war gut. Anstrengendes funktionales Training draußen bei schönstem Wetter drumrum viel los, viel zu sehen beim Volleyball und den Skatern. Damit hört dieser Text hier auf und fängt die Lücke bis So oder Mo an, mal sehen.

Sonntag, 21.6.2020

Ein normaler Frühschichtsonntag fängt mit dem Weckerklingeln um elf an, also schon Samstag. Dann frühstücken, das fühlt sich putzig an um Mitternacht, und los auf Arbeit. Die Umleitung vermeiden, neue Strecke, ich schätze das Navi im Auto. Was mich auf Arbeit erwartet, wusste ich, niemand hatte weitergemacht nach meinem Samstag, Urlaub, Kurzarbeit, es ist gerade sehr still da. Alles geht gut in der ersten Hälfte, dann kommt die Pause, man sitzt und isst etwas, ich lese dabei, und die Müdigkeit schleicht sich ein. Ich hatte aber gut zu tun, immer was zu ruckeln. dadurch ging es. Mittags ist Feierabend, die Heimfahrt ist oft der Kampf ums Wachbleiben, es klappte immer, und ich bin jedesmal froh drum.
Lustig war ein Pausengespräch mit meinem Verschwörerkollegen. Er hat mir mehrere steile Thesen geliefert, die ich nicht glauben wollte, ohne genau zu wissen, ich hab dann gegoogelt und die Sachen korrigiert, bin immerhin zu der Reaktion gekommen, dass diese Nachricht wohl falsch sei. Aber alles andere ...
Mit dem Kunstforum war ich am Freitag durch, ich hab dann doch jeden Artikel gelesen, weil es um Ausstellungen im Coronamodus ging. Es werden dort erfolgreiche, im Kunstbettrieb wichtige Leute und ihre Arbeiten vorgestellt, trotzdem blieb mir die große Verwunderung. Viele der Arbeiten sind so persönlich, subjektiv begründet, dass ich eigentlich zuerst den jeweiligen Lebenslauf studieren muss, um was damit anfangen zu können. Bei manchen kommen dann immerhin ansehnliche, gar wundervolle Arbeiten heraus, z. B. bei Tamina Amadyar, und ich kann sie mit diesen Erklärungen nachvollziehen. Bei anderen bleibt  es zumindest mir völlig schleierhaft, warum man sowas macht. Wenn Cornelius Völker in großen bis riesigen Formaten Ölmalerei herstellt, auf denen u. a. aufgeschlagene Bücher dargestellt werden, auf akribisch abgebildeten Bilderseiten werden  Inhaltsangaben verrätselt, denk ich, das könnte man unaufwendiger lösen. Da diese art Machwerkle marktgängig sind, das dürfte der Hauptgrund sein, sie herzustellen, beeilen sich Galeristen und Kuratoren, dem wortgewaltig Bedeutung zu verleihen.
Ich lese derweil im Spiegel, wie es zum Lockdown kam und was Herr Amthor verzapft. Manchmal kommt mir die Welt wie ein seltsamer Ort vor.

Montag, 22.6.2020

Der Anfang war spät, ich hab mein Defizit weggeschlafen, und da ich mich in meinem Bett verstanden fühle, bin ich gern da. Der Putzmontag war erfolgreich, damit ist es für zwei Wochen erledigt. Laufen ließ ich weg, die Zeit fehlte, abends war ich im Sportpark, 90 Minuten Kraft und funktionales Training. Zum Abschluss der erste Saunagang, alles limitiert, vier Menschen pro Sauna, wir waren zwei in der Trockenkammer. Der schon Schwitzende fing bei meinem Eintritt sofort an zu reden, befragte mich nach der Einhaltung aller Vorschriften, reklamierte, dass Aufgüsse nicht erlaubt seien, erläuterte seine Gedanken zu der Kontrolle durchs Gesundheitsamt, es war nicht sonderlich gemütlich. Rein bin ich voll der Freude, dass ich jetzt wieder darf, entschlossen zum Genuss, raus mit dem Verwunderung, wie verschieden wir Menschen sind.
Heute kam ein wundervolles Video, eins meiner Enkelchen bei der Interaktion, Lautmalerei mit seiner Mama. Ich schau es mir an, wieder an, will es noch mal sehen, erwische mich beim mitreden, es ist so intensiv schön, ich hab es vergessen, wie es konkret war bei meinen Kindern, ist ja über dreißig Jahre her, da fällt es mir so wieder neu ein, es war damals schön, und heute ist es mir eine große und echte Freude, herzerwärmend. Wenn das hier etwas nach Kitsch klingt, stört mich das nicht, ich weiß es nicht besser zu schreiben. Demnächst, es dauert nicht mehr lange, fahr ich wieder hin.

Dienstag, 23.6.2020

Es gab eine Uraufführung: Michel beim Aquajoggen. Der schnelle Läufer aus dem Sportpark hatte erzählt, das er geht. Ich war verwundert, hielt das für ein Art Freizeitvariante von eher älteren, schwereren Damen, die gemächlich Wasser verdrängen. Nein, nein, sprach der Läufer, intensives Intervalltraining, ich kicherte und fragte, ob ich mal mitkommen dürfte. Gestern haben wir es angemeldet, sonst kommt man nicht ins Bad, pünktlich um neun zeigten wir unsere Einlasscodes auf dem Handy vor, dann gings los. 10 min einschwimmen, dann viermal folgende Serie: 5 min speed, 1 min Pause, 3 min speed, 1 min Pause, 1 min speed, 2 min Pause. Dann 10 min ausschwimmen, oder wie sagt man da. Wir hatten so eine Art Auftriebhilfe umgeschnallt, so dass man sich ums obenbleiben bzw untergehen nicht sorgen musste. In den Aktivphasen simmulierten wir im tiefen Wasser eine sehr schnelle Art, auf der Stelle zu laufen, dabei war das Wasser widerständig, so sehr, dass es an den Haaren der Beine ziepte. Schon nach der ersten Minute kam ich ins hecheln, das blieb dann so, die Pausen waren lebensrettend. Ich glaube, ich hab mich wacker geschlagen. Beim Heimradeln fühlten sich die Beine puddingartig an, ein lustiger Zustand. Zu Hause brauchte ich eine Weile, mich wieder aufzuraffen, hab Krimskram erledigt, mein Küchenfenster geputzt und bin dann in die Stadt geradelt, wollte was essen, zum Friseur und Brot holen, mein Gott lauter so Zeugs, das muss halt auch gemacht werden. Beim Bäcker fand ich das neue Kinoprogramm, das Kino läuft wieder. Morgen werde ich gleich gehen in Narziss und Goldmund, nicht, dass ich mir viel davon verspreche, es ist mehr so eine Jugenderinnerung, da hab ich das Buch gelesen, mehrmals und begeistert. Abends war ich im Sportpark, der schnelle Läufer war auch da, wir haben erst bissle am Turm, dann war Bauchkurs. Ich hab deutlich gemerkt, was vormittags los war. Wir zwei, der Läufer und ich, taten so, als wäre es völlig normal, zweimal am Tag richtig Sport zu machen, abends kam per WhatsApp eine Verwunderungrückmeldung darüber an. Anscheinend machen das nicht alle Menschen so.

Mittwoch, 24.6.2020

Deutlicher und zunehmender Muskelkater als Resultat der gestrigen Variante. Bürokram daheim bis zu ausbrechender Widerwilligkeit, also Laufen gestartet. Viel Sonne, schön warm, ich bin zum Wald, um den Schatten zu genießen. Zwei Ereignisse während gemütlicher 13 km. An einer Kuhwiese entlangkommend sehe ich auf einer Kuh einen Star sitzen und picken. Das kannte ich bisher von Bildern aus Afrika. Ich hab angehalten, wollte ein Beweisbild mitbringen, der Star hat mirs versaut, er  war auf der Kuh, bis ich mein Handy startklar hatte, dann saß er obendrüber im Apfelbaum. Man könnte die Kuh bitten, Zeugnis abzulegen, sie würde bestimmt ein zustimmendes Muh bekunden. Dazu gabs die Grasblüte, das gewöhnliche Knäuelgras in voller Pracht. Und den Stendelwurz, eine der heimischen Orchideen, fand ich am Weg, noch nicht blühend, aber viel fehlt nicht.


Abends war ich im Kino, das Ritual, hineinzugelangen, erfüllte alle nur denkbaren Hygiene- und Abstandregeln. Dadurch dauerte es lange, der Film, Narziss und Goldmund, begann spät, und er war schlecht. Diesmal würde ich es auf die Regieleistung schieben, alles war so übertrieben dargestellt, als ob der Regisseur Angst hatte, dass wir alle ein wenig blöde sind. Dabei war manches, im Versuch das Buch zusammenzufassen, auch noch wenig plausibel, bzw. arg gradlinig erzählt. Die Schauspieler waren schön, die Aufnahmen in der Natur waren schön, zum Troste. Schön, dass es unser Kino geschafft hat über die spielfreie Zeit.

Donnerstag, 25.6.2020

Beim Versuch, Amtspost zu verstehen, bin ich gescheitert. Nachdem ich eine Weile ratlos über Formulierungen nachgedacht habe, wurde ich immer mutloser und habe nach einer Ersatzlösung gesucht und habe sie gefunden. Ich lasse prüfen, in diesem konkreten Fall arbeiten Fachleute für mich. Das geht nicht immer so einfach, und ich verstehe jetzt, warum es die Bemühung gibt, Amtstexte in einfacher Sprache zu verschicken. Es soll eine Reaktion folgen.
Nach diesen frustrierenden Bemühungen bin ich ins Studio gegangen, hab ein schönes Ganzkörpertraining durchgezogen, frischgeduscht und im Kopf wieder richtig kam ich nach Hause, hab was gekocht, naja, gewärmt, gefuttert, und bin losgefahren. In Nürtingen wollte ich meine Kunstkollegin treffen zu einer Ausstellung von Elly Weiblen. Tolle Bilder in mutigen Farbzusammenstellungen, unerwarteten Kompsitionen, das hat uns sehr überzeugt. Dazu kleine Aquarellarbeiten, Farbblöcke in lichten Reihen, die große Materialvertrautheit bezeugen. Wir haben einen ausführlichen Parkspaziergang angehängt, konnten in Ruhe schwätzen, die Lindenblüte erschnuppern und den Sommer genießen. Ich find, besser geht`s nicht.

Freitag, 26.6.2020

Es gibt von mir nichts neu zuberichten, mein herausragendes Erlebnis war ein Besuch bei der Fußpflege, da ließ ich mir die in 12 Wochen angelaufenen Hornhauthühneraugenschwielen rauspulen und freute mich hinterher an einem ganz neuen und schönen Gefühl beim Benutzen der Füße.
Die Nachrichtenlage hat mich heute erregt, besonders das Gehudel wegen Corona bei Tönnies und Consorten. Jeder hierzulande konnte es wissen, wie die Arbeit da verrichtet wird und wie die Leute wohnen, die sind zum Geldverdienen da und von dem wenigen wollen sie ihre Familien, zumeist im Osten, versorgen. Die sparen beim Wohnen, sind zu zweit und zu dritt in Zimmern in Monteurswohnungen u. ä. Quartieren und wenn einer mit dem Keim kommt, haben es alle. (So ist es sicher auch bei den Bauarbeitern, nur wurde nicht getestet.) Jetzt greift die Politik ein, die Landwirtschaftsminister, da stand überall CDU davor, der betroffenen Länder verkünden mit entschlossenem Beben in der Stimme, dass Fleisch nicht mehr unter dem Produktionspreis verkauft werden darf, dass es 40 Cent pro Kilogramm teurer werden muss. Sie sagen nicht, dass das gesamte Landwirtschaftssystem ein Problem ist, besonders die Tierproduktion, da hört man schon am Wort, da stimmt was nicht. Sie sagen nicht, dass unser Fleischkonsum völlig übertrieben ist, dass zuviel weggeschmissen wird, dass zwei Drittel der deutschen Erwachsenen mit dem Gewicht nicht klarkommt, dass die Gülle unser Grundwasser versaut, die Überdüngung zum Artensterben beiträgt, und was ich sonst noch hier hin schreiben könnte. Sie wollen es mit 40 Cent Aufschlag lösen. Da gehört Mut dazu.

Samstag, 27.6.2020

Ein Fenster geputzt, das vom Bad, wo nur ein Flügel zu öffnen geht, ich kam mir vor wie ein Fassadenkletterer. Es hat geklappt. Laufen war ich, 10 km bei schwüler Wärme ging es mühsam und ich hab geschwitzt, als hätte ich all meine 70 % Wasseranteile auf einmal veräußert. Abends Kino, The Cakemaker, aus der Reihe Filme in Originalfassung mit Untertiteln. Ein etwas unwahrscheinlicher Plot, zauberhaft gespielt und dadurch zur Glaubwürdigkeit gelangt. Ein israelischer Familienvater arbeitet zeitweise in Berlin und verliebt sich da in den Konditor seines Lieblingscafe´s. Dann gibt es den Unfalltod des Ehemannes, und der Bäcker geht seinen Spuren nach, landet in Jerusalem und wird Aushilfe im Cafe der Witwe. Sagt nicht, wieso, es entsteht eine Beziehung, als alles auffliegt, endet dieser Aufenthalt. Der Film schließt mit dem Bild der Witwe, wie sie in Berlin zur Conditorei nach ihrem Bäcker schaut. Die Spannung, das Ungesagte in der Beziehung in Israel wird sehr stark dargestellt, die Frau hat eine betörende Ausstrahlung. Ich bin ganz still nach Hause gegangen.

Sonntag, 28.6.2020

Eigentlich war angedacht, mit den Hirschauern zu laufen, die wollten sich aber in Kayh treffen und danach noch Veranstaltung, also gesellig Kirschenessen, machen. Ich erinnerte mich an das Geschwitze von gestern, die Dämpfigkeit war schon morgens voll da, so hab ich der Laufunlust nachgegeben, hab ausgeschlafen und bin dann ins Studio gegangen. Zwei Stunden, geschwitzt auch da, aber zufrieden und frisch geduscht heim. Selbst gekocht, wegen Sonntag und keine  Lust auf Verpackung, Nudeln mit scharfen Paprikaminis, gefüllt mit Frischkäse, das war nicht kompliziert und sehr gut. Dann wollte ich mir eine Ausstellung in Dettenhausen ansehen, Naturfotografie, im Anzeigenblättle war der Hinweis mit einem Foto von zwei Spechten. Ein Buntspecht und ein Mittelspecht. Bisher dachte ich, die unterscheiden sich von der Größe her, jetzt waren sie beide auf einem Bild, und plötzlich konnte ich die Unterschiede der Färbung erkennen. Das war mir neu und reichte als Auslöser, dahin zu wollen. Ein winziges Dorfmuseum, aber wunderbare Bilder, einfach in die Dauerausstellung gehängt. Vor allem hochwertige Bilder von Vögeln, Insekten und Kleingetier, ich hab es mir gern angeschaut. Günstig war, es entstand nur ein geringer Umweg, ein Familienbesuch war vorher schon geplant gewesen, bissle schwätzen und paar Kirschen ausfassen, das hat auch gut geklappt. Die restlichen Zeitlücken hab ich mit lesen gefüllt, momentan nach anstrengendem Kunstforum und Spiegel zur Entspannung ein Roman, der die Sicht des Bootsjungen bei der Meuterei auf der Bounty beschreibt. Wirklich keine große Literatur, leicht zu schmökern, auch mal schön.

Montag, 29.6.2020

Laufen war nach dem Schwänzen gestern Pflichtveranstaltung. Bin ich tapfer losgehoppelt, es war deutlich geeigneteres Wetter, Richtung Tübingen bis Weiheim mit Rückenwind und dann war die Baustelle im Weg. Die neue Straße unterbricht mir nichts dir nichts den Radweg, ich musste auf neuem Asphalt, immerhin neuer Fuß-Radweg, durch einen Kreisverkehr über eine riesige Brücke durch den vollen Autoverkehr, bis ich den alten Pfad wieder erreichte. Dann über Hirschau und Wurmlingen zurück, ergab 18 km und eine gute Zeit. Höhepunkt botanisch: Zwei Sorten der Königskerze, die Schabenkk und die Lampenkk fand ich, die erstere kenn ich vom Standort her schon ein paar Jahre und schau immer, ob sie wieder da ist, die zweite war mir noch nicht aufgefallen. In Hirschau gab es den Wahren Bärenklau in voller Blüte. Akkustisch: Die 9. Symphonie von Beethoven, die funktioniert immer, wo deren sanfter Flügel weilt, geht das Laufen von allein.
Beim Stadtgang traf ich eine vertraute Freundin, ich kenne sie schon bestimmt ein Vierteljahrhundert, wir treffen uns nicht oft, aber wenn, können wir sofort in großer Vertrautheit miteinander sprechen. Das ist wohltuend, gerade in diesen nicht so geselligen Zeiten.
Abends Studio, functional training, sehr intensiv und anstrengend, die Sauna hinterher und das Duschen hat alles wieder gutgemacht.

Dienstag, 30.6.2020

Ich war als Wiederholungstäter unterwegs, soll heißen, das zweite Mal beim Aquajoggen. Es war kalt, 17 Grad, als wir starteten mit dem Duschen, das Wasser war noch kälter, das Warmschwimmen, 10 min hin und her, hat uns nicht wärmer werden lassen, aber dann ging es los. 10 mal 10 sec speed und 30 sec Pause. Schnell im Hechelmodus, der Puls war oben, Kälte kein Thema. Dann die Pyramide: 1 min speed, 2 min, 3 min, 2 min, 1 min, dazwischen immer 1 min Pause, das Ganze 2 mal, zum Schluss wieder die 3o sec Sequenz. Das ist so anstrengend an allen Stellen, kraftmäßig, der Kreislauf und die Puste, und willensmäßig. Unterwegs in den längeren Phasen schaltet der Kopf auf Zielfokusierung um, wann kommt das Zeitsignal, nichts anderes mehr, kein Raum für Ablenkung, Umherschauen, kein Bewusstsein mehr, wer bin ich und wo, sogar die Frage warum schwindet. Nach dem Ausschwimmen mit Ganzkörperpuddingmuskeln haben wir etwas platt auf der Wiese gehockt und uns gefreut, dass wir es geschafft hatten. Heim mit dem Fahrrad, also mit matschigen Beinen, Lesezeit, dabei kurz eingenickt, und alles war wieder gut. Mittagskoch war ich, Gewärmtes aus dem Frostfach, Stadtgang, paar Besorgungen und ein Kaffee in der Stadtbibliothek mit köstlichem hausfrauengebackenem Kuchen. Ein Fenster geputzt, mich gefreut dran, dass es vorwärts geht. Ins Studio, Bauch spezial bei meiner Lieblingstrainerin, schweres Programm. Der Planschkollege war auch da, wir fanden´s normal, andere werden es seltsam finden, die Menschen sind verschieden.

Mittwoch, 1.7.2020

So warm beim Laufen, es war mühsam, zumal der kleine Muskelkater vom Geplansche gestern nicht den Berg hoch wollte. Die Zeit auf meiner Standardstrecke war schlecht, geschwitzt hab ich dafür gut, am Ende hat es ja trotzdem geklappt. Die weiße Wegwarte konnte ich fotografieren, ich weiß, wo sie steht. Bild kommt noch. Zu Hause fertigschwitzen, duschen, was essen, mit einem Freund nach Reutlingen, eine Freundin kommt dazu, wir schauen uns im Naturkundmuseum die Schmetterlingsfotografie an. Spektakuläre Bilder, dazu präparierte Schmetterlinge, nicht dafür gespießt, sondern aus dem Fundus. Und kleine, sehr informative Texte zu Eigenarten und besonderen Fähigkeiten und Lebensweisen der dargestellten Arten. Das Corona-Theater drumrum, Fahrstuhl nur einzeln, nur raufzu, Treppe nur runterzu, Einbahnstraßenregelung beim Schauen, Personal zur Aufsicht hinter Plexiglasstellwänden. Danach auf einen Schwätz im Cafe, gemütlich im Schatten, nachdem die Liste ausgefüllt war, wenn da jemand mitzählt, wo ich schon überall Kuchen gegessen hab, wird das peinlich.
Einen Preis hab ich zu vergeben: Obwohl noch die letzten Seiten fehlen, erteile ich in der Kategorie dümmstes Buch, das mir seit langem zwischen die Finger kam, den mit Abstand ersten Platz an "Das Paket" von S. Fitzek. Normalerweise wusste ich den konkurenzlosen Durchmarsch dieser Schreiberei, da ich ein anderes "Buch" von diesem "Autor" angelesen hatte, und nach 10 Seiten Dummigkeiten bei Seite legen musste. Nun steht er dauernd in allen möglichen Bestsellerlisten vorn, ich dachte, vielleicht hab ich was übersehen. Jetzt bin ich drangeblieben und von einer Verwunderung in die nächste gelangt ob der Ereignisdichte, mit der er sein Projekt fortschreibt. Es wirkt wie aus dem realen Leben, wenn er die Hauptfigur, die eine Macke hat, mit lauter Figuren umgibt, die auch Macken haben, was zu Betrügerein, Mord und Totschlag führt und zu ulkigen Zusammentreffen. Wenn z. B. die wichtigste Person ins Haus des Nachbarn einbricht, dann kommen Banditen, sogar bis in das Zimmer, wo sie sich versteckt, als es kracht und schreit, dort wird sie nicht nur nicht gesehen, sondern der Nachbar kriecht aus dem Bett in ebendem Zimmer, klar, er wurde zwar gesucht, aber auch nicht gefunden. Dafür kullert dann die tote Mutter aus der Biotonne, u.s.w. Was für ein Quatsch, mühsam auf Logik getrimmt und mit immer neuen Kapriolen weitergeführt. Ich frag mich, wer liest den Schrott und wie funktionieren Bestsellerliten.